"Sweet Sixteen"
Der Entscheid des bernischen Grossen Rates, das kantonale und kommunale Stimm- und Wahlrecht auf 16 zu senken, hat eine lebendige Diskussion über dessen Vor- und Nachteile ausgelöst. Ich habe die Debatte mit Interesse verfolgt. Irgendwie fühlte ich mich in der Zeit zurückversetzt in die noch nicht allzu lange verflossene Vergangenheit, als es die Frauen waren, welche um ihr Mitbestimmungsrecht kämpfen mussten. Wir kennen das Frauenstimmrecht ja erst seit 1971. Klar, die Dimensionen sind nicht vergleichbar. Dennoch scheinen mir die Argumente der Gegner von Stimmrechtalter 16 heute oft dieselben.
Da wäre zum Beispiel das Argument der „Unfähigkeit politische Urteile zu fällen“ oder jenes der „Beeinflussbarkeit“. Wer so kategorisch urteilt - sei es nun auf Grund des Alters oder eben des Geschlechtes - dessen Denken ist bis aufs Äusserste von Vorurteilen geleitet. Als Mutter weiss ich sehr wohl um die oftmals erstaunliche mentale Entwicklung von Jugendlichen. Und ich wage auch zu behaupten, dass in jeder Altersgruppen Leute anzutreffen sind, welche beeinflussbar oder desinteressiert sind, welche Mühe haben oder sich nicht die Mühe nehmen, die komplexen Abstimmungsvorlagen zu verstehen. Will man auf Grund jener Kriterien Menschen die politische Beteiligung verweigern, so müssen ganz andere Massstäbe als Alter oder Geschlecht beigezogen werden.
Es ist zu erwarten, dass die über 55-jährigen schon bald bei Wahlen und Abstimmungen in Überzahl sein werden. Mit ihrer Stimmkraft verteidigt die ältere Generation ja bekanntlich bisherige Werte. Es sind jedoch die Jungen, welche die Folgen heutiger politischer Entscheide zu tragen haben. Sie müssen deshalb auch die Möglichkeit haben, beim Stellen der Weichen ihrer Zukunft selber „Hand anzulegen“. Eine Demokratie zeichnet sich durch eine möglichst breite Einbindung aus. Ja, eine echte Demokratie lebt sogar von ihr, schöpft so die eigene Legitimität. Genau so auch der Generationenvertrag. Stimmrechtalter 16 ist somit ein Einbinden der Jungen und auch ein Entgegenwirken der ungleichen Verteilung der Stimmen innerhalb der Generationen.
Ein weiteres Argument der Gegner betrifft die „Kluft zwischen rechtlicher Mündigkeit und aktivem Stimm – und Wahlrecht“. Irgendwie zeugt dieses Argument von einer gewissen Sturheit, einer denkerischer Unflexibilität, aber gleichzeitig auch von historischem Unwissen. Für die Männer mag es stimmen, dass diese beiden Rechte/Pflichten immer unweigerlich gekoppelt waren. Doch schon für die Frauen sieht die Geschichte anders aus. In vielen Ländern erhielten sie das Stimm- und Wahlrecht erst Jahre nach den Herren und z.T. auch in anderer Reihenfolge: Zuerst das Bürgerrecht und erst anschliessend die zivilen Rechte. Ich sehe nicht ein, weshalb das aktive Wahlrecht unweigerlich an die volle Ausübung der zivilen Rechte gekoppelt sein soll?
Ein weiteres Argument gegen Stimmrechtalter 16 hat mich aufgeschreckt: Stimm- und wahlberechtigt sein dürfe nur, wer auch Steuern bezahlt. Dieses Argument wurde wirklich ganz weit her aus den verstaubtesten Geschichtsbüchern ausgegraben. Malthus war es doch, der die Armen als moralisch niedriger anprangerte, selber schuld an ihrer Misere und unfähig ihr Leben zu führen. Daraus entstand die „Logik“, dass nur wohlhabenden Leuten die Bürgerrechte zugestanden wurden. Man argumentierte, nur sie seien fähig und würdig, den Staat zu lenken. Solche Argumente sind doch nun wirklich nicht mehr zeitgemäss!
Für mich gibt es kein plausibles Argument gegen das Stimmrechtalter 16. Können auch die Jungen selber mitbestimmen, können wir nur gewinnen. Doch was können wir konkret gewinnen?
Welche Auswirkungen das aktive Wahlrecht auf die Stimmbeteiligung und das Interesse an Politik der Jungen hat, kann nicht gesagt werden. Ich finde es aber richtig, dass die Initiantin von Stimmrechtalter 16 im Grossen Rat, Nadine Masshardt, gleichzeitig fordert, dass die veränderte Rechtslage aktiv in den Staatsunterricht einfliesst. Hier liegt ein grosses Potential. Staatskunde ist doch bei weitem interessanter, wenn das Gelernte gleich angewendet werden kann. Es ist wünschenswert, dass dies der schleichenden Entpolitisierung unserer Gesellschaft entgegenwirkt!
Als es um die Einführung des Frauenstimmrechts ging, wurde immer eingewendet, Frauen neigten zu Extremismus und sogar die soziale Ordnung drohte einzustürzen. Doch mittlerweilen wissen wir, dass die Schweiz wegen dem Frauenstimmrecht weder extrem geworden noch eingestürzt ist.
Beim Stimmrecht für Männer hatte die Schweiz eine Vorreiterrolle, beim Stimmrecht der Frauen war sie ein Schlusslicht. Die Diskussion um das Stimmrecht 16 gibt uns erneut die Chance, die Offenheit unserer Demokratie, deren breit abgestützte Mitwirkung, zu beweisen.
Die Österreicher waren die ersten, der Kanton Glarus Vorreiter in der Schweiz. Ich hoffe sehr, dass wir Bernerinnen und Berner im November den Jugendlichen ein positives Signal senden werden. Ein Signal, dass wir ihnen Verantwortung übertragen, sie ernst nehmen und einbinden. Weder Alter noch Geschlecht noch Nationalität dürfen in einer Demokratie politisch interessierten Menschen das Recht der Mitwirkung verweigern.
Kommentare (16)
karlo.swissblog.ch
sagte:

...
In vielen Ländern können bereits 16jährige an die Urne (Österreich, Iran etc. etc.)Was haben die Jugendlichen dieser Länder unseren voraus, dass sie schon wählen dürfen?
Oder anders gesagt:
Was läuft bei der Entwicklung unserer heimischen Jugendlichen falsch, dass sie mit 16 noch nicht reif sind, wählen zu gehen?
Da die Mehrheit der Bevölkerung bei uns kurz vor oder bereits in der Pensionierung ist, wird auch die Mehrheit bestimmen, wieviel die Jungen für die Alten abgeben müssen.
Die Solidarität zwischen Jung und Alt wird auf immer härtere Probe gestellt.
Dabei ist die einzig sinnvolle Solidarität nicht die von jung zu alt, von gesund zu krank, von erwerbserzielend zu arbeitslos etc. sondern nur von reich zu arm.
Und genau diese Solidarität ist alles andere als sichergestellt.
Schliesslich finanzieren viele Familien, die unter dem Existenzniveau leben, auch die Rente von Alten, auch wenn diese über ein Millionenvermögen verfügen.
karlo.swissblog.ch
sagte:

...
In Zeiten von Globalisierung und Klimawandel ist doch unsere Gesellschaft dringend auf die Flexibilität und Innovationsleistungen, die besonders von Jungen kommt, angewiesen.Auch Junge in unserem Land wollen in Zukunft noch einen gewissen Lebensstandart haben.
Von dem Anspruch der Alten, dass sie ihren gewohnten Lebenstandart noch bis zu ihrem Ableben halten können, resultiert der Reformunwille unserer Gesellschaft.
Schliesslich sind die meisten Sozialwerke nicht auf die Existenzsicherung, sondern auf Erhalt des persönlichen Lebensstandarts (AHV, ALV, BVG etc.) ausgerichtet.
Statt u.a. Sprachregionen sollten in Parlament und Regierung besser die verschiedenen Altersgruppen angemessen vertreten sein.
karlo.swissblog.ch
sagte:

...
Wer vom Staat unterstützt wird, verwirkt sein Recht nicht nachhaltig leben zu können.Wer zB AHV bezieht und sich ein Auto leisten kann, verwirkt sein Recht auf Rentenleistung.
Wieviele Rentner, die noch gesund und fit sind, genügend Zeit hätten, heizen durch ihr Mobilitätsverhalten noch übermässig das Klima auf. Die Auswirkungen ihres Verhaltens müssen dann aber folgende Generationen tragen.
vivendi
sagte:

...
"Was haben die Jugendlichen dieser Länder unseren voraus, dass sie schon wählen dürfen?"Gar nichts. Aber was ist in diesen Ländern besser als bei uns? Müssten Stimmbürger nicht zumindest volljährig sein, d.h. nicht mehr unter der Verantwortung ihrer Eltern stehen? Müssten Stimmberechtigte nicht auch wahlberectigt, d.h. wählbar sein?
vivendi
sagte:

...
"Wer zB AHV bezieht und sich ein Auto leisten kann, verwirkt sein Recht auf Rentenleistung."Sie haben recht, Rentner sollen zuhause bleiben und still ihr Lebensende abwarten. Vielleicht könnte man mit Euthanasie noch etwas nachhelfen. Mit der AHV-Rente allein bleibt ohnhin nichts anderes übrig, die reicht nicht einmal um Miete zu bezahlen.
"heizen durch ihr Mobilitätsverhalten noch übermässig das Klima auf"
Wenn ich ihre Beiträge hier lese, muss ich mich fragne, ob nicht noch andere Kriterien über das Stimmrecht entscheiden sollten. Sie jedenfalls bekämen es nicht, sie plappern einfach daher, ohne sich kritisch mit einer Sache auseinanderzusetzen:
Seit etwa 10 Jahren hat die globale Temperatur nicht mehr zugenommen.
silha
sagte:

yeh
i findä ds super wen oh mir jungä chöi sägä was mir wei und nit nur die autä.mir sie gnuä aut um z'wählä und abschtimmä. mir müessä nit immer vo dä euterä gseit becho was guet isch zukunft betrifft vorauem üs und mir wei mit bestimme.
vivendi
sagte:

...
@silha: die meisten Entscheidungen, die unser Leben und unsere Freiheit bestimmen, werden ohne Abstimmungen beschlossen. Und es handelt sich fast immer um Verbote: Alkoholverbote, Rauchverbote, Ausgehverbote, Nachtverkaufsverbote.Solange das Volljährigkeitsalter nicht gleichzeitig auch gesenkt wird, ist das Ganze nur Scheinheiligkeit. Entweder die Menschen sind mit 16 mündig, verantwortungsbewusst, vernünftig, richtig informiert und können für sich selbst entscheiden, dann sind sie auch politisch mündig. Andernfalls nicht.
karlo
sagte:

...
@vivendi:"Seit etwa 10 Jahren hat die globale Temperatur nicht mehr zugenommen"
Wo? In Seldwila?
Und wenn der Klimakollaps trotzdem kommt?
Pech gehabt?
Betrifft ja zukünftige Generationen und nicht heutige Rentner.
Was ist mit Ressoucenverbrauch, Lärm, Abgasen, Gefahren für Kinder etc. etc des Mobilitätsverhaltens?
Wieso müssen wir zu viert unter dem Existenzminimum leben, damit Rentner besser leben können als sie es jemals in ihrem Leben konnten?
vivendi
sagte:

...
karlo: Rentner leben besser, mit 2280 Franken AHV im Monat?Welcher Klimakollaps? Schreiben Sie Science Fiction? Und wenn eine Eiszeit kommt, was machen Sie dann?
Seldwila: wird nicht dort die globale Temperatur gemessen?
Ach, ja, die armen Kinder, ein Killerargument. Sie haben vergessen, dass sie auch mal so ein armes Kind waren. Sie haben's offenbar überlebt ...
karlo
sagte:

...
@vivendiWir haben nur dank Kinderzulagen mehr als ein AHV-Rentner.
Ich beklag mich nicht, dass wir zu wenig haben, sondern dass ich Leute finanzieren muss, die durch Abzüge auf die Lohnkosten meines Arbeitgebers mehr haben als wir (nur 4% aller AHV-Rentner brauchen EL, aber 30% aller Kinder in der Schweiz leben unter dem Existenzminimum ohne EL).
Wir finanzieren soviele (auch Sozial-)Versicherungen für alle möglichen Ereignisse.
Dass man auf Leistungen von AHV, IV, ALV etc. jemals angewiesen ist, trifft wohl auf die wenigsten zu (ausser man haben über seinen persönlichen Möglichkeiten gelebt, dh. sich auf die Zwangssolidarität durch den Staat verlassen). Trotzdem sind die meisten bereit, viel von ihrem Einkommen dafür abzugeben.
Aber für die Folgen einer möglichen Erderwärmung (oder auch Abkühlung) sind wir nicht gewillt Geld auszugeben. Obwohl die Wahrscheinlichkeit, das diese eintreffen, um ein Vielfaches höher sind.
Letztendlich ists egal ob Klimakollaps oder Eiszeit. Wichtiger ist, das wir durch unseren Schweizerischen Lebensstil global, wirtschaftlich (jeder 2. Franken wird im Ausland verdient; damit alle Erdenbürger wie Durchschnittsschweizer leben können brauchts 4 Erden) bald nicht mehr konkurrenzfähig sein werden, weil wir einen global nicht nachhaltigen Lebensstil haben (auch ein CH-Sozialhilfeempfänger lebt davon, dass andere Länder nicht unsere Sozial- und Umweltstandarts haben).
Darum lehre ich meinen Kinder lieber, unabhängig vom materiellen Wohlstand ihr Glück und Zufriedenheit zu suchen, damit sie auch in Zukunft gegenüber Chinesen, Inder oder Brasilianer konkurrenzfähig sind.
Die Schweiz ist reich. Das das für alle Zeit so bleibt, bezweifle ich.
Es gibt noch genügend (alte) Menschen in unserem Land, die noch selbst erlebt haben, was hungern in der Schweiz bedeutet.
vivendi
sagte:

...
Sie sind Rentner und bekommen noch Kinderzulagen? Haben Sie nie daran gedacht, dass jedes zusätzliche Kind unseren Planeten während fast 100 Jahren mit CO2 belastet?Ihren Patriotismus kann ich leider nicht teilen, ich habe in vielen anderen Ländern gelebt und fand mich überall wohl.
vivendi
sagte:

...
@karlo: "unabhängig vom materiellen Wohlstand ihr Glück und Zufriedenheit zu suchen, damit sie auch in Zukunft gegenüber Chinesen, Inder oder Brasilianer konkurrenzfähig sind."Ein toller Widerspruch, den Sie sich da leisten: Konkurrenzfähigkeit beruht auf Materialismus.
f.teuscher
sagte:

...
@ vivendi und karlo: wir dürfen nicht jung und alt, Frau und Mann, SchweizerInnen und AusländerInnen gegeneinander ausspielen. Dank der AHV konnte die Armut im Alter zurückgedrängt werden. Heute leben vor allem Familien mit kleinen Einkommen und Alleinerziehende in Armut. Daher ist für mich das System der Kinderrente ein guter Ansatz: jedem Kind soll eine Rente zugeschrieben werden - z.B. 600 Franken. Damit könnte die Familienarmut wirksam eingeschränkt werden. Und wir würden damit wieder ein besseres Gleichgewicht zwischen den Generationen herstellen.@vivendi: um die Folgen des Klimawandels zu lindern brauchen wir Investitionen zur Schadensvermeidung und zur Schadensmilderung. Warum nicht einen Welt-Klimafonds einreichten, der von allen Ländern der Welt gespeist wird - abhängig vom CO2-Ausstoss pro Kopf?
vivendi
sagte:

...
@f.teuscher: "warum nicht einen Weltklima-Fonds einrichten..."?Dagegen gibt es viele Gründe:
- Es handelt sich um mein Geld, das Sie verteilen wollen. Ich ziehe es vor, diese Geld für meine Kinder aufzuwenden, damit sie keine Kinderrente brauchen.
- Noch ein Fond? Und wer verfügt dann wie über mein Geld? Wer übernimmt die Kontrolle, wer garantiert, dass das Geld nicht in Funktionärstaschen verschwindet?
- Noch einen Fonds? Moritz Leuenberger hat doch schon einen Fonds eröffnet. Was macht er mit diesem, meinem Geld?
- Können Sie mir garantieren, dass man mit Geld das Klima beeinflussen kann?
- Wer bestimmt meinen CO2-Ausstoss und den meiner Familie? Wollen Sie damit kinderreiche Familien bestrafen? Aus allen Ländern der Welt gespeist, inkl. China, Indien, Afrika? Menschen in kälteren Regionen bezahlen mehr als in wärmeren Regionen?
vivendi
sagte:

...
@f.teuscher: Woher haben Sie die Gewissheit, dass anthropogenes CO2 massgeblich oder gar ausschliesslich für das Klima verantwortlich ist? Wie erklären Sie die mittelalterliche Wärmeperiode und die letzte Eiszeit?Und was sagt Ihnen diese Feststellung:
Chicago has its coolest July 8 in 118 years
http://snipurl.com/mhltw
Eva
sagte:

kick-Off Veranstaltung zur Abstimmungskampagne
Unser Ziel ist es, mindistens 30 Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren zusammenzubringen, die gemeinsam ein Zeichen setzen für das aktive Stimmrecht 16. Damit wir das schaffen sind wir auch auf dich angewiesen - nur gemeinsam kriegen wir ein eindrückliches Gruppenfoto hin.Falls du interessiert bist, melde dich bitte bis am 5. September bei Dana unter: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können
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