Es zählen die Fakten
Seit dem 27. August will uns die SVP weis machen, es gäbe einen Geheimplan zur Abwahl von Bundesrat Blocher.
Mit grossen Inseraten versucht sie die Öffentlichkeit davon zu überezugen. Am 5. September veröffentlicht die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates (GPK) ihren Bericht zum Rücktritt von Bundesanwalt Roschachers. Darin wird die Amtsführung von Bundesrat Blocher kritisiert. Und was macht die SVP am nächsten Tag? Sie greift an einer Medienkonferenz den GPK-Bericht heftig an und qualifiziert ihn als "lückenhaft und unausgewogen". Sie sieht darin eine weitere Bestätigung des Geheimplans zur Abwahl von Bundesrat Blocher. Bei all diesen Spekulationen, Intrigen, Geheimplänen und Komplotten halte ich mich lieber an die Fakten.
Ich halte mich auch bei der Debatte um den „Geheimplan“ an die Fakten. Die kommenden Untersuchungen werden zeigen, was es mit den Komplottvorwürfen von oder gegen Blocher auf sich hat. Die Fakten sind:
1. Bundesrat Blocher hat dem Bundesanwalt im Bereich der Medieninformation über laufende Ermittlungsverfahren unerlaubte Weisungen erteilt. Er hat dem Bundesanwalt verboten, eine Medienkonferenz zum Fall Ashraf durchzuführen, indem er ihm personalrechtliche Sanktionen androhte. Damit hat er in die Unabhängigkeit des Bundesanwaltes und der Judikative eingegriffen.
2. Bundesrat Blocher das Arbeitsverhältnis mit dem Bundesanwalt aufgelöst. Kündigungsgründe nach dem Bundespersonalgesetz lagen keine vor. Die dem Bundesanwalt ausbezahlte Abgangsentschädigung erfolgte ohne entsprechende gesetzliche Grundlage. Dieses Vorgehen ist in Anbetracht der unabhängigen Stellung und Funktion des Bundesanwaltes in rechtsstaatlicher Hinsicht unerlaubt. Mit seinem Vorgehen hat Blocher den Bundesrat umgangen, der als Wahlbehörde allein für die Auflösung des Arbeitsverhältnisses mit dem Bundesanwalt zuständig ist. Damit hat der Justizminister seine Kompetenzen unrechtlich überschritten.
Für den Freiburger Staatsrechtsprofessor Thomas Fleiner sind die Weisungen, welche Bundesrat Blocher im Bereich der Medieninformation (vgl. Punkt 1) gemacht hat, der gravierendste Punkt, „denn es ist ein Eingriff in die Ermittlungstätigkeit des Bundesanwalts und damit ein Eingriff in den Rechststaat“ (BZ, 8.9.2007). Ob ein Bundesrat, der in den Rechtsstaat eingreift, ein tauglicher Justizminister ist, soll jeder und jede selber entscheiden.
Kommentare (5)
skeptiker
sagte:

Rorschachgate
Die ganze Geschichte hat das Zeugs zum kleinen Watergate. Die Ingredienzen sind praktisch die selben: Machtmissbrauch, Indiskretionen auf Regierungsebene, Wahlkampfsituation und dubiose Mittelsmänner.Zu den obigen Fakten kommen die gerne ausgeblendeten Fakten, dass Valentin Rorschacher, gemäss zweier von Christoph Blocher in Auftrag gegebenen Berichten, nichts Illegales vorzuwerfen war.
Ich bin nicht ganz sicher, aber ich vermute, dass das noch ein böses Mörgeli für die SVP geben könnte.
Casal
sagte:

...
Ich staune immer wieder wie die Journaille bzw. Zeitungen schreiben können, das nütze letztendlich der SVP. Das Gegenteil ist der Fall: Der GPK Bericht ist ein glatter Skandal. Das höre ich überall. Er allein reicht schon aus. Die SVP wird bei den Wahlen Einbussen erleiden. Die Schweizer Bevölkerung lässt sich diesmal nicht vermörgeln.
skeptiker
sagte:

@casal: stimmt leider wohl schon
So wie die SVP die ganze Geschichte orchestrieren und sich abwechslungsweise als Opfer, dann wieder als mutige Verteidiger von Demokratie und Staat hinstellen, kann die Geschichte fürs Erste sehr wohl gut für die SVP ausgehen. Zumindest bis zu den Wahlen. Das ist eben das leidige (und da haben die Journalisten keine Schuld daran): wer am lautesten Schreit, der wird auch gehört. Kurzfristig mag so eine Mörgeli-Propaganda funktionieren, aber auf längere Zeit wird diese Taktik zwangsläufig zu Eigentoren führen.
Casal
sagte:

@skeptiker
Diesmal bin mir nicht sicher, ob das laut schreien etwas nützt. Natürlich gibt es die Stammtischler, die jetzt die Durchhalteparole durchgeben. Aber die vielen Protestwähler der letzten Jahre werden diesmal nicht SVP einlegen. Wichtig ist dabei: Wir haben Hochkonjunktur und in solchen Phasen stimmen die Leute anders als in der Rezession. Blocher weiss das auch. Darum ist er seit Wochen hypernervös. Seine Auftritte werden unsicherer. Er wird Bundesrat bleiben, aber wahrscheinlich nicht Bundespräsident. Und das ist für Blocher die grössere Schmach, als eine Abwahl. Und Franziska Teuscher wird die erste Grüne Ständerätin der Schweiz.Zu den Journalisten: Die sind von einigen Ausnahmen abgesehen alle Blocher Fan. Man hat in den vergangenen Jahren bei gewissen Medien regelrechte Säuberungen durchgeführt. Wenn der GPK Bericht gegen einen Linken gegangen wäre, hätten ihn gewisse Medien ans Kreuz genagelt. Beim grossen Bruder B. streut man Zweifel, er könne womöglich das Opfer einer Intrige gewesen sein. Dabei ist wie gesagt nur schon der Inhalt des GPK Berichtes ein Skandal.
F.Teuscher
sagte:

...
Gestern habe ich mich nach einem Radio-Talk mit einem Journalisten aus der Romandie unterhalten. Zumindest dort schein Blocher in letzter Zeit keine Freunde gewonnen zu haben. Was die Romds nervt: Blocher gäbe sich überhaupt keine Mühe mehr einigermassen gut Französisch zu sprechen. Die Arroganz der deutschsprachigen "Macht". ..Kommentar schreiben
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